Autor Thema: Eine Frage der Perspektive  (Gelesen 3239 mal)

Offline Stephan

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Eine Frage der Perspektive
« am: 22. November 2008, 18:29:19 »
Eine Frage der Perspektive

"... Das Haus war wirklich traumhaft. Die Giebel des Daches boten ausreichend Platz, um ein gewaltiges Nest einzurichten. Zudem lag das Haus in einem verkehrsarmen Gebiet, wodurch besonders in der Nacht eine himmlische Ruhe herrschte. Aber besonders angetan war die Schwalbe von dem riesigen Ahornbaum, der auf der Wiese vor dem Haus stand. Er würde dem Haus im Sommer ausreichend Schatten spenden, dass die Jungen, geschützt vor der prallen Sonne, heranwachsen konnten."

Erwartungsvoll blickte Dieter seine Dozentin Frau Doktor Meise an. Diese sagte lange Zeit nichts, sondern wog nur ihren Kopf hin und her. Als sie schließlich antwortete, klang ihre Stimme wenig begeistert: "Ich muss zugeben, Sie haben Talent. Trotzdem ist es nicht ganz das, was ich mir vorgestellt habe."

Dieter fühlte einen Stich in der Magengegend. "Aber ich habe mich ganz genau an die Arbeitsanweisung gehalten. Meine Mutter hat die Geschichte probegelesen, und sie ist der Ansicht, dass es daran nichts mehr zu verbessern gibt. Ich habe wirklich keine Ahnung, was Ihnen an der Geschichte nicht gefällt!"

"Nun, wie ich schon sagte, Sie haben Talent, aber trotzdem - Sie sind ganz eindeutig kein Schriftsteller." Wieder fühlte Dieter einen Stich im Magen. Unbarmherzig fuhr Frau Meise fort: "Sie sind Architekt, nichts anderes. Als ich Sie bat, einen Entwurf des Hauses aus Vogelperspektive zu erstellen, meinte ich nicht einen solchen Text."

Frustriert zuckte Dieter mit den Achseln. Wie seine Mutter immer sagte: Man konnte es nicht allen Recht machen. Mit eiserner Miene packte er seine Blätter wieder in die Aktentasche. Die hervorragende Geschichte aus der Froschperspektive würde er seiner Dozentin jedenfalls nicht mehr vortragen.